Heute live im Radio

Heute um 19 Uhr lese ich live im Otic-Radio, eine Kurzgeschichte namens „Aufstehen“.

https://www.khm.de/oticradio/

Wer keine Zeit hat, kann’s danach auch einfach entspannt in der Mediathek nachhören.

Das Programm:
Fides Schopp – ‚Rainbow it over‘ (Hörspiel)
Thomas Empl – ‚Aufstehen‘ (Live-Reading)
Ketonge – ‚Maniapolke‘ (Electronic Music)
Jonathan Lahr – ‚Mr.Marshmellow‘ (Live-Reading)
Tim Dönges – DJ Set

Eine Leseprobe aus Aufstehen:

Es fällt ihm so verdammt schwer, in den Tag zu kommen. Das erste Mal wacht Leutnant um 0933 auf, viel zu früh. Aber einschlafen kann er jetzt auch nicht mehr. Er liegt im Halbschlaf, brutale Kopfschmerzen, das Bein zwickt, er wälzt sich hin und her, Wachträume jagen einander, verschmelzen, er sitzt neben seiner Tochter in der alten Schule, sein bester Freund schüttet Papierschnipsel über ihren Haaren aus – »Das sind nicht Enas Schuppen!«, sie fanden das damals wahnsinnig witzig – Einbrecher in schwarzen Strumpfmasken stürmen das Klassenzimmer und erstechen die Lehrerin. Er hätte kein Doppelbett kaufen sollen. Jedesmal wenn er es schafft, sich auf die linke Seite zu rollen und fast aufzustehen, sind seine Kräfte aufgebraucht und er rollt sich wieder zur Wandseite. Vielleicht kann er auf dem rechten Kopfkissen nochmal besser schlafen. 1217 zeigt der Wecker neben der Lampe und dem Armeemesser auf seinem Nachttisch. Zwischen den Wachträumen liegt Leutnant da und fürchtet sich vor dem Tag. Er wird frühstücken, duschen, aufräumen müssen, das kommt ihm alles wahnsinnig viel vor. Bewegen kann er sich sowieso nicht, seine Knochen schmerzen, als wäre er nicht Ende zwanzig, sondern siebzig und hätte die letzte Nacht durchgesoffen. Hätte er auch tun sollen, wenn das Endresultat so aussieht, aber gestern war nichts Besonderes. Es ist Mittwoch, Anfang Februar und er hat Angst vor Terminen Ende Februar. Dem nächsten Gerichtstermin. Er und die Ex streiten sich um Enas Sorgerecht. Sie haben keine Ahnung, was sie da eigentlich tun, sie spielen Rollen aus irgendwelchen Gerichtsdramen nach. Die Ex gibt eine oscarreife Bösewichtin. Den Kopfschmerzen schließt sich ein pfeifender Ton an, 1248, nur noch ein paar Minuten Schlaf, vor eins ist er doch eh zu nichts zu gebrauchen. Leutnant hat keine Ahnung, wie das andere Menschen machen, der Wecker seiner Mutter klingelt jeden Tag um 0625. Er kann das nicht, das hat nichts mit Faulheit zu tun, er kann es einfach nicht, er fühlt sich morgens, als würde er sterben. Manchmal nimmt er das Armeemesser und bohrt es sich in den Unterarm, doch auch der Schmerz macht ihn selten richtig wach. Seine Freunde reagieren mit Unverständnis, wenn er sich nicht am »Vormittag« treffen will. Er weiß nicht, wann das sein soll, Vormittag. Es gibt Morgen, dann kommt Mittag.

 

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