Lesung in der BASTION Bochum

Gestern noch Köln, nächsten Dienstag schon Bochum! Am 19.03.19 um 19 Uhr lese ich in der BASTION in Bochum in einem kleinen, wunderbaren Kino. Karten gibt es umsonst auf Email-Anfrage:

https://www.no-budget-arts.de/bastion/programm/2019/20190319_763_lesung.html

www.facebook.com/bastion-bochum

Leseprobe:

Zollstock Südfriedhof

Wir stehen aneinandergepresst, schlechte Luft, die Karnevalsgrippe grassiert und es geht nicht weiter. Auf den Gleisen zwischen Gottesweg und Zollstock Südfriedhof hat ein ausparkendes Auto einen Motorradfahrer erwischt. Ein Krankenwagen stand eine Weile herum, die Verkehrspolizei malt Kreidekreisel um Hecksplitter, das zerstörte Motorrad und die Stelle, wo der Fahrer lag. »Ist jeden Tag was mit der 12, kannst du die Uhr nach stellen«, sagt der mittelalte Mann neben mir, leicht geröteter Kopf, zu seiner Frau, keine Augenbrauen, FC-Köln-Mütze. Zwischen Friseur (»steht dir gut«) und dem Arte-Vierteiler (irgendwas mit Vulkanen, »schon beeindruckend«) sprechen die beiden immer mal wieder über ihren Krebs. Der Tod ist in ihrer Konversation jedoch so allgegenwärtig, dass ihm keine besondere Aufmerksamkeit zusteht. Er bekommt zwei Halbsätze, »und wie wars beim Herrn Doktor?«, »wie immer«. »Das war schon was mit diesem Lavaregen«, sind sie wieder auf Arte.

Ich tippe auf meinem Handy herum. Jetzt, wo ich sonst nichts tun kann, kann ich ja die Whatsapp-Nachricht meines Vaters von gestern beantworten. Wie’s mir denn so ginge? Mein Vater geht auf die siebzig zu, lebt in Südtirol und ich mag ihn nicht. Wäre ich ein konsequenterer Mann, würde ich ihm gerade nicht antworten. Doch ich bewahre ein Minimum an Kontakt. Ich gehe selten ran, wenn er anruft, aber ich schreibe zurück. Ich lasse Grüße ausrichten, wenn ihn jemand besucht. Ein konsequenterer Mann würde ihn auch nicht an Weihnachten zum Mittagessen treffen. Aber Freunde, deren Väter schon gestorben sind, meinen, es könne immer das letzte Weihnachten sein. Also treffen wir uns – am 26. oder 27. – und tauschen Belanglosigkeiten aus. Warum er das überhaupt will, ist mir nicht klar. Er war immer ein Bastard zu mir. Zumindest – besonders – als es drauf ankam. Wahrscheinlich gibt es einen simplen Grund: like all rotten bastards, when they get old, they become lonely. Es ist nicht so, dass ich Mitleid mit ihm hätte. Aber irgendetwas hält mich davon ab, den Kontakt abzubrechen. Vielleicht ist es nur das Erbe.

»Bitte nicht an den Faltenbalg lehnen«, lese ich gerade zum einhundertsten Mal, gegen den Faltenbalg gedrückt. »Prière de ne pas s’appuyer contre le soufflet!«, auf Französisch, mit Ausrufezeichen. Die Bahn steht immer noch still. Wenigstens wird das Motorrad gerade entfernt. Wir sind alle viel zu warm angezogen, um hier eine halbe Februarstunde festzustecken. Der Fahrer macht keine Anstalten, die Türen zu öffnen, vermutlich darf er das nicht auf halber Strecke. Während der mittelalte Mann schwer atmend zuhört, erzählt die Krebskranke weiter die Vulkansendung nach. Dass es Stämme gäbe, die bewusst an aktiven Vulkanen lebten. »Für die ist der Tod halt Teil des Lebens. Wenn es Lava regnet, soll das einfach so sein.«

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