Nachruf aufs Beverly Kills

Drei Uhr nachts in München, und das ist doch —? Bling bling bling bling, das Piano, die ersten Noten von Still D.R.E., das Augustiner hat unsere Seelen unter die Decke geschraubt, jetzt katapultiert der Doctor sie wieder in die Körper, hinter der Theke jubeln die Barkeeperinnen, wir schauen den Menschen beglückt in die Augen, den Menschen, mit denen wir seit Stunden schwitzen. Meine beste Freundin und ich umarmen uns fest, und dann tanzen wir wild. Drei Uhr nachts in München, Beverly Kills, es ist 2014, es ist 2022, es ist 2026.

Immer konnten wir uns aufs Beverly verlassen, schon als junge, manchmal sonnenverbrannte, picklige, zu viel trinkende Schüchterne. Eintritt frei mitten im Glockenbachviertel, come as you are, Hip-Hop und Nullerjahre-RnB. Woanders hab ich mich gar nicht reingetraut, bei all den parfümierten Hemdträgern in der Schlange. Hier gab’s keine Schlange, und hier war man immer willkommen. Die Müllerstraße, selbst an Weihnachten ein Heim für Heimatlose, der Barkeeper mischte uns Cocktails aufs Haus. Aber das Früher ist gar nicht das Entscheidende, das Jetzt war es. Jedes Mal, wenn ich später zurück nach München kam, wollte ich am Freitag ins Beverly Kills. Und jedes Mal war alles exakt so, wie wir es zurückgelassen hatten. Der fröhlichste Barkeeper der Welt, der uns wie Stammgäste begrüßte, ein Leuchten hinter seiner runden Brille, die Musik, die der DJ scheints immer in der gleichen – der richtigen! – Reihenfolge auflegte. Kelis, Ashanti, Ciara, Eve, Candy Shop, Crazy in Love. Auch Songs, die draußen keiner mehr kennt, aber im Beverly Kills waren sie Classics. Lumidee, Never Leave You (Uh-ooh). Sogar die Leute blieben dieselben, mit einer enormen Lässigkeit gealtert. Zu Lean Back wurde meine beste Freundin von ihrem Freund angetwerked, sie waren so schön, sie sind seit acht Jahren zusammen. Das Beverly Kills und wir, wir waren seit 13 Jahren zusammen.

Letzten Freitag gingen wir vorfreudig vom Pariser Platz ins Glockenbach, tauschten Anekdoten, freuten uns auf den Barkeeper, die Musik, die Leute … und standen vor einer verschlossenen Tür. Verhülltes Glas, kein Logo mehr, nur noch eine winzige Getränkekarte hing da. Das Jetzt war vorbei. Schon Ende Mai war es gestorben. Wir konnten’s nicht glauben, und wir mussten weinen.

Ein Club, wirklich nicht größer als ein Wohnzimmer … so klein, jetzt kommt ein Späti hin. (Dass sich keiner schämt!) So klein, man verbündet sich sofort mit den anderen fünf bis fünfzehn Tanzenden. Und man lächelt sich an, schreit seine Begeisterung über den DJ oder den neuen Kendrick hinaus, tanzt kurz synchron, macht einen albernen Move, verliert sich aus den Augen. Mei, kann der gut tanzen. Wow, sind heute wieder alle nice hier. Dann steht man unten am Waschbecken, bisschen viel Augustiner, die Welt dreht sich, aber von oben hört man einen Banger, den darf man jetzt nicht verpassen, und man wäscht sich nur sehr kurz die Hände und rennt die Treppe rauf und schafft’s zum ersten Refrain und springt zu den neuen und alten Freunden und schwingt triumphal die Hüfte, Drop It Like It’s Hot. Das war vielleicht das Besondere, man hat sich als Teil eines lebendigen Organismus gefühlt für ein paar Stunden. Und natürlich waren auch viel mehr Menschen mit nichtweißer Hautfarbe da als auf jeder Techno-Party, natürlich hat es eine Rolle gespielt, dass sich niemand aufbrezeln musste, dass es keinen Eintritt gekostet hat, dass es wurscht war, wenn man nicht gut tanzen konnte. In diesem nichtgrellen, dunkelroten Licht, in dem man sich nie hässlich fand. Ob als ängstlicher Fast-noch-Teenager, als gefestigter Erwachsener, als liebeskummerzerstörtes 33-jähriges Wrack. Mit Nostalgie hatte das nichts zu tun, man tanzt nicht lang wild aus Nostalgie. Es hat einfach alles immer wieder neu gepasst.

Im April war unser letzter Abend. Wir wussten nicht, dass es der letzte Abend sein würde, es war grandios, beseelt fielen wir danach hinaus in die Nacht, radelten die Isar entlang, einen letzten Beverly-Kills-Classic im Ohr. There ain’t another, don’t want no other lover / I’ll put nothin’ above ya … If you want me to stay, I’ll never leave. Danke, Beverly, du hast gekillt.

[Bild 2 von beverlykills.de, Bild 3 und 4: Fenya Kirst.]